Entrevistas

Schmerzensmensch und Menschenschmerz

Tobias Jansen

miércoles, 14 de octubre de 2015

„Meine Bilder folgen einer Tradition, die den menschlichen Leib mit dem Schmerz gleichsetzt“: Gequälte Gesichter, entliebt und entleibt. Das Grauen unter der Oberfläche als Oberfläche selbst, abscheulich schön. Der kubanische Maler Louis Arturo Aguirre (24) zeigt den gemarterten Körper als Abbild verborgener gesellschaftlicher Realitäten – und geht dabei weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus.

­Eine Kontaktaufnahme...

Mundoclasico: Womit begann dein Interesse für Kunst allgemein?

Louis Arturo Aguirre: Da in meiner Familie die Kunst schon immer eine grosse Rolle gespielt hat, hatte ich in meiner Kindheit ein ideales Umfeld, um zu meiner Berufung zu finden. Und obwohl hier vor allem die Musik und weniger die bildenden Künste präsent gewesen sind, hat schon das blosse Umgebensein von Kreativität mich irgendwie besonders sensibilisiert. Schon in meiner frühen Kindheit hat mein Vater mich ermutigt, Reproduktionen von klassischen Gemälden zu malen, und mit der Zeit hat mich die Welt der Bilder immer mehr in ihren Bann gezogen, bis ich zu meiner eigenen künstlerischen Aktivität gefunden habe.

MC: Wann hast du begonnen, Deine eigene Kunst zu machen?

LAA: Aufgrund die Fertigkeiten, die ich mir während meiner Kindheit und Jugend angeeignet habe, konnte ich schon im Alter von 15 Jahren an der Kunstakademie von Vicentina de la Torre in meiner Heimatprovinz Camagüey aufgenommen werden. Gegen Ende meines ersten Jahres hatte ich einen Abschluss im Bereich Skulptur gemacht, weil ich hier besonders gut war, was auch meine Lehrer erkannt hatten. Meine Fähigkeiten in der Malerei hingegen habe ich mir in erster Linie selbst beigebracht, inspiriert durch andere Meister und Künstlerfreunde. Am Ende ist das ständige Üben und Malen meine Schule gewesen.

MC: Womit verdienst du dein Geld, und kannst du dir vorstellen, mit deiner Kunst irgendwann dein Leben zu finanzieren? 

LAA: Seinen Lebensunterhalt mit Kunst zu verdienen, ist auf Kuba (wie auch in vielen anderen Teilen der Welt) ein fast utopisches Glück. In meinem Land gibt es keinerlei Galeriennetzwerk, um Kunst angemessen zu fördern und zu vermarkten. Vor dem Hintergrund kann man sich mit der eigenen Kunst eigentlich nur durch Auftragsarbeiten und Kunstunterricht über Wasser halten. In meinem besonderen Fall hat meine Arbeit dank verschiedener Ausstellungen sowie durch das Interesse von Kuratoren und Kunstkritikern zu grösserer Aufmerksamkeit gefunden. Ich habe einfach begonnen, mir einen Weg in der Kunstwelt (einschliesslich des Kunstmarktes) zu schaffen.

MC: Gibt es ein besonderes Thema innerhalb deiner Kunst, ein Leitmotiv?

LAA: Mein Thema ist der Körper. Meine Bilder folgen einer Tradition, die den menschlichen Leib mit dem Schmerz gleichsetzt, das Martyrium, wie man es in den flämischen Altarbildern mit ihren Kreuzigungen findet, die „Beweinung Christi“ von Mantegna, „Der geschlachtete Ochse“ von Rembrandt und später von Soutine. Ich verwende diese und andere Aspekte, wenn ich mich mit der Idee beschäftige, die Haut als Leinwand zu begreifen, im tatsächlichen Leben selbst wie auch in dessen künstlerischen Darstellung – der Körper, der die Wahrheit eines jeden Lebens abbildet, von der Geburt bis zum Tod. Albert Camus hat die Eigenschaft der Maler betont, die Geschichtenerzähler des Körpers zu sein... Viele kluge Köpfe beschäftigen sich mit der Unsterblichkeit der Seele. Das ist, weil sie sich der einzigen für sie greifbaren Wahrheit verweigern, die ihnen gegeben ist, und das ist der Körper. Der Körper stellt für sie keine Herausforderung dar, oder zumindest sehen sie nur eine einzige Möglichkteit, die er ihnen bietet: eine Wirklichkeit, die verrotten muss. Gerade deswegen bedeutet sie Bitternis und Anmut zugleich, aber das ist etwas, dem manche+ sich nicht zu stellen wagen.

MC: Warum genau diese Gesichter und Personen?  Wie findest du die Modelle und Vorlagen für deine Bilder? Manche sind sehr offensichtlich nicht mehr lebendig...

LAA: Der Grossteil der Vorlagen für meine Bilder sind Fotos von Gewaltverbrechen, die in digitaler Form in underground-Kreisen im Umlauf sind. Die realistische Darstellung fängt an mit der „Hybridisierung“ der beiden künstlerischen Disziplinen, die mal miteinander vereinbar und dann wieder inkompatibel sind. In einer ersten Phase werden rigoros die Motive ausgesucht, und während des künstlerischen Prozesses entscheide ich, welche Elemente näher am fotografischen Bild bleiben und welche sich in der atmosphärischen Gestaltung des Werkes auflösen. Die Farbpalette wechselt zwischen mit Gewalt assoziierbaren Rottönen und anderen fahleren, auch grünlichen, Farben zur Darstellung lebloser Körper.

MC: Welche Bedeutung haben für dich Farben und Maltechnik?

LAA: Die Qualität der Ölfarbe und ihre langsam trocknende Beschaffenheit machen sie zu einem idealen Mittel, um die verschiedenen Farbtöne und Licht und Schatten auf der Leinwand miteinander verschmelzen zu lassen. Das dient mir nicht nur als poetische Übertragung zwischen zwei Medien, in meinem Fall vom Foto zum Gemälde. Durch grosse Formate und dargestellte Gestik will ich den Eindruck von Realismus erzeugen, dessen bester Verbündeter der Augenabstand zum Bild ist. Was aus der Nähe nur Farbstriche sind, erscheint aus der Distanz als menschliches Gesicht. Willem de Kooning hat gesagt, dass das Fleisch der Grund sei, warum die Ölmalerei erschaffen wurde, und ich habe keinen Zweifel daran.

MC: Ist dein Leben in Kuba ein Einfluss für deine Kunst, oder hättest du auch an anderen Orten auf der Welt zu deiner Kunst gefunden?

LAA: Die Referenzen, die ich in meine Werke mit einbeziehe, hängen auf besondere Weise mit meiner Umwelt zusammen. Das Nichtvorhandensein von kubanischen Informationsmedien, die über urbane und häusliche Gewalt berichten, hat mich selbst zu einer Art versteckten Chronisten werden lassen, der „diesen“ Teil unserer Realität aus dem verstohlenen Strassengetuschel herauslöst. Wenn ich nun anfange zu überlegen, ob mich andere Orte auf der Welt auch auf diese Weise inspirieren würden, würde ich nicht sagen, dass es auf Orte als Motivationen ankommt, sondern es sind Tod und Gewalt im Allgemeinen, Dinge die unter der der Oberfläche jeden Tag auf der Welt vorhanden sind, so dass der Fokus meiner Arbeit eher auf einem allgemeinen Phänomen liegt.

MC: Wie sehr bestimmt deine Kunst dein tägliches Leben? Ist der künstlerische Gedanke immer präsent, oder nur "phasenweise"?

LAA: Menschen, die sich mit dieser Art kreativer Prozesse beschäftigen, sind ja fast unfreiwillig zu jeder Zeit von Bildern, von Ideen begleitet. Neue und unvollendete Projekte sind fast dauernd in meinem Kopf, so dass es schwer ist, eine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, zwischen realer und imaginativer Welt zu ziehen. Andererseits ist die Kunst immer auch ein durch die Künstlerhand mal mehr, mal weniger manipuliertes Abbild der Wirklichkeit. Obwohl sein Werk für jeden Künstler irgendwie sein Leben prägt, muss das nicht unbedingt seine zwischenmenschlichen und familiären Beziehungen beeinflussen – ich will natürlich nicht sagen, dass man keine Grenzen ziehen sollte zwischen Fiktion und Realität, zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit. Wenn aber wiederum der Künstler dem künstlerischen Schaffen und Ausprobieren in seinem Leben viel Zeit widmet, so ist es tatsächlich ein Teil seines täglichen Lebens.

Louis Arturo Aguirre wurde 1991 in Camagüey auf Kuba geboren. Seine Ausbildung erhielt er an der Berufsakademie für bildende Künste Vicentina de la Torre in Camagüey sowie durch eigene Hand als Autodidakt. Seine Arbeiten sind in verschiedenen Sammelausstellungen wie auch in individuellen Präsentationen zu sehen gewesen. Aus einer Musikerfamilie stammend, hat Louis Arturo in der künstlerischen Darstellung von Gewalt das Leitmotiv für seine Werke gefunden.

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