Entrevistas

La Catedral de Estrasburgo

Interview mit der Kunsthistorikerin Dr. Sabine Bengel

Juan Carlos Tellechea
viernes, 17 de septiembre de 2021
Catedral de Estrasburgo © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg Catedral de Estrasburgo © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg
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Kunsthistorikerin der Strassburger Münsterbauhütte, ist seit mehr als 20 Jahren, Frau Dr. Sabine Bengel. Sie macht sich Gedanken über die Auswirkungen des Klimawandels auf dieses gotische Architekturjuwel, das 1988 zusammen mit der Altstadt von Strassburg zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. 

Dra Sabine Bengel. © by Stéphan Woelfel alias Simon Woolf.Dra Sabine Bengel. © by Stéphan Woelfel alias Simon Woolf.

Bengel (geboren und aufgewachsen in Kehl), die in Berlin, München und Florenz studiert hat, ist seit ihrer Studienzeit mit der Erforschung des Doms befasst. Ihre Magisterarbeit an der Technischen Universität Berlin trug den Titel „Das Südquerhaus des Straßburger Münsters - Ein Forschungsbericht“, und ihre Doktorarbeit: „Die Ostteile des Straßburger Münsters unter besonderer Berücksichtigung der Südquerhauswerkstatt“. Die Kunsthistorikerin, die in zahlreichen interdisziplinären Projekten forscht und Mitglied in der Europäischen Vereinigung der Dom-, Münsterbaumeister und Hüttenmeister ist, betreut mit ihren Kollegen die umfangreichen Sammlungen der Münsterbauhütte, ist für Forschungsprojekte verantwotlich und hilft bei der Erstellung von Restaurierungsprojekten. Dr. Sabine Bengel hat sich freundlicherweise zu einem schriftlichen und E-Mail-Interview mit www.mundoclasico.com bereit erklärt. Hier sind ihre exklusiven Aussagen:

Juan Carlos Tellechea: Welche Überlegungen haben Sie zu diesem Stillstand der kulturellen Aktivitäten im Allgemeinen (zB ein Besuch des Straßburger Münsters) aufgrund des Coronavirus?

Fachada sur de la Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.Fachada sur de la Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.

Dr. Sabine Bengel: Durch den Lockdown haben wir enorme Einnahmeeinbußen an Eintrittsgeldern für den Aufstieg auf die Münsterplattform. Die Aussichtsplattform in 66 Metern Höhe und das historische Wächterhäuschen dort sind ja erst 2019 komplett instantgesetzt worden, mit viel Geld und reichlich investierter Zeit. Dass kurz darauf der Lockdown folgte, war sehr bitter. Auch die Kirchenfabrik, die sich weitgehend durch den Verkauf von Andenken und religiösen Objekten im Münster finanziert hat enorm unter dem Besucherschwund gelitten.

Welche Bilanz (positiv und negativ) ziehen Sie aus dieser Situation?

Mirador de la Catedral de Estrasburgo. © by Jérôme Dorkel, Eurométropole de Strasbourg.Mirador de la Catedral de Estrasburgo. © by Jérôme Dorkel, Eurométropole de Strasbourg.

Katastrophal für die Wirtschaft, den Tourismus, für viele Selbstständige. Gut für die Entwicklung des Homeoffice und für eine gewisse Besinnung auf die wirklich notwendigen und sinnvollen Arbeiten. Leider fielen aber viele direkte Begegnungen, Tagungen, Kolloquien aus; anderseits bietet das Internet da sehr vielfältige Alternativen und neue Wege. Schade war, dass wir keine Führungen mehr durch unsere Werkstätten und weniger Praktikantenstellen als üblich anbieten konnten. Auch der direkte Kontakt mit den Kollegen hat oftmals gefehlt.

Welche Projekte hatten Sie am Laufen und wie mussten Sie diese modifizieren, und welche können Sie noch in Angriff nehmen?

Alle Arbeiten gingen weiter, jedoch unter zum Teil schwierigeren Voraussetzungen und unter Einhaltung der Corona-Bestimmungen.

Haben Sie auch Probleme gehabt mit den letzten Starkregen und Gewitter?

So viel ich weiß, nicht wirklich. Der Wasserablauf von den Dächern und Laufgängen muss gewährleistet sein, bei Leicht- wie bei Starkregen. Ansonsten treten Schäden am Bauwerk auf.

Treten diese Wetterphänome jetzt häufiger auf?

Torre octogonal de la Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.Torre octogonal de la Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.

Ich denke schon, allerdings ist man durch Blitzeinschläge im Unterschied zum Mittelalter heute gut geschützt. Dennoch gibt es immer mal wieder Auswirkungen auf die elektrischen Systeme und Anlagen.

Könnte es eine Konsequenz des Klimawandels sein?

In der Häufigkeit denke ich schon, aber schwere Stürme, Hagelschauer und Blitzeinschläge gab es schon immer und haben oft in den vergangen Jahrhunderten zu Schäden am Münster geführt. Es bleibt zu untersuchen wie und auf was sich die steigenden Temperaturen auf das Münster auswirken.

Welche Auswirkungen könnten die durch den Klimawandel verursachten hohen Temperaturen auf das Straßburger Münster haben?

Wie sich der Klimawandel auf das Münster auswirkt muss erst noch untersucht werden. Die großen Temperaturschwankungen sind insbesondere für historische Glasfenster, die nach und nach Schutzverglasungen erhalten, die im Abstand von wenigen Zentimetern vor die historischen Gläser gesetzt werden, vielleicht ungünstig, da sich hier viel Kondenswasser bilden kann, dessen Ablauf gesichert sein muss. Für den Stein und die Dächer sehen wir im Moment keine gravierenden Auswirkungen.

Was sind in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen für Sie?

Puerta de San Lorenzo. Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.Puerta de San Lorenzo. Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.

Die Münsterbauhütte wird in den kommenden Jahren das spätgotische Laurentiusportal sanieren, wo - aufgrund der feingliedrigen Bauelemente und der statischen Anlage des großen vorkragenden Baldachins - viel Feingefühl gefordert sein wird. Auch darf der stetige Bauunterhalt nicht unterschätzt werden. Er verhindert, dass kleine Schäden sich langfristig zu großen und teuren Restaurierungskampagnen auswachsen.

Was unsere Sammlungen angeht, stehen wir erst am Anfang von umfassenden Digitalisierungskampagnen. Diese sind kostenaufwändig und das Einpflegen von Datensätzen in unsere neuen Datenbanken, die auch der Öffentlichkeit zugänglich sein sollen, sind sehr arbeitsintensiv. Das Problem ist das uns das dafür benötigte Personal gar nicht zur Verfügung steht.

Fachada sur de la Catedral de Estrasburgo. © © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.Fachada sur de la Catedral de Estrasburgo. © © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.

Im Rahmen der jüngst erfolgten Einschreibung des Bauhüttenwesens in das Register der guten Praxisbeispiele des Immateriellen Kulturerbe seitens der UNESCO stellen sich uns auch Fragen nach der Nachwuchsförderung und der Tradierung und Weiterentwicklung unserer Techniken und Kenntnisse.

Hinsichtlich der Eigenfinanzierung unserer Baustellen arbeiten wir ständig daran bestehende Finanzquellen zu optimieren und Neue aufzutun.

Welche Serie von Maßnahmen mussten Sie bis jetzt unternehmen um das Straßburger Münster zu schützen und restaurieren? Und was ist für die Zukunft vorgesehen?

Die Straßburger Münsterbauhütte sorgt seit 800 Jahren für einen konstanten Bauunterhalt, seit 1918 zusammen mit den Instanzen der französischen Denkmalpflege. Die Liste der verschiedenen Sanierungsmaßnahmen ist sehr lang und wird fortgeführt. In den letzten Jahren ging es v.a. um die Instandsetzung der Fassaden des südlichen Querhauses, der nördlichen Langhausgalerie aus dem 18. Jh., und um die Erneuerung des touristischen Rundgangs auf die Aussichtsplattform.

Escaleras de la torre octogonal de la Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.Escaleras de la torre octogonal de la Catedral de Estrasburgo. © by Fondation de l'Oeuvre Notre-Dame, Strasbourg.

In den kommenden Jahren wird es neben den Arbeiten an dem Laurentiusportal (Nord) auch um die Sanierung einer der vier Wendeltreppen am Achteckturm gehen, seitens des Staates um die große Vierungskuppel und hoffentlich auch um verschiedene Glasfensterensembles im Münster, die dringend saniert und geschützt werden müssen.

Wie hoch ist Ihr Etat? Wie hoch müsste er noch sein? Wird sehr problematisch sein ihn zu erhöhen? Welche Instanz muss letztendlich die Investitionen absegnen. Kommt es da schon mal zu Meinungsverschiedenheiten?

Der aktuelle Etat der Münsterbauhütte beträgt 3,5 Millionen Euro an Betriebsmitteln zusätzlich einem Investitionsbudget, das sich nach den verschiedenen Baustellen richtet. Es handelt sich zum größten Teil von Eigeneinkommen, die durch eine Subvention der Stadt Straßburg in Höhe von 1,2 Millionen Euro ergänzt werden.

Alle Sanierungsmaßnahmen am Münster werden von der staatlichen Denkmalpflege vorab genehmigt und begleitet. Die größeren Projekte der Münsterbauhütte werden zusätzlich durch einen Stadtratsbeschluss validiert. Daneben finanzieren die Denkmalpflege wie auch die Kirchenfabrik weitere Instandsetzungprojekte am Münster.

Helfen Sie auch bei der Restaurierung von Notre Dame in Paris? Da scheint es kein Geldproblem zu geben? Ist das der Fall in Straßburg?

Die Hilfe von Straßburg wurde angeboten. Direkt vor Ort helfen wir nicht, aber wir sind in einer der Forschergruppen, die die Restaurierung und den Wiederaufbau begleiten mit unserem Wissen um Stein und den Gewölbebau involviert. Ich denke, das Geld ist nicht das Problem in Paris, die Spenden flossen ja reichlich. Schade, dass dafür immer erst etwas Schlimmes passieren muss. Straßburg steht im Vergleich zu vielen anderen Kathedralen recht gut da; es gibt vom Staat finanzierte Sanierungen und die eigenfinanzierten Maßnahmen der Münsterbauhütte, die letztlich ein Geschenk an den französischen Staat, den heutigen Besitzer des Münsters darstellen. Dies gibt es sonst an keiner anderen Kathedrale in Frankreich.

Wie gut sind Sie gewappnet gegen Brände in der Straßburger Münster? Ist noch viel aus Holz auch bei Ihnen?

Das Straßburger Münster gilt als gut gewappnet. In allen Dachstühlen sind Feuermelder angebracht, es gibt Feuerlöscher und Steigleitungen, dazu Brandschutzwände im großen Langhaus-Dachstuhl und regelmäßige Übungen der Straßburger Feuerwehr. Die Dachstühle des Münsters sind alle aus Holz, bis auf eine Ausnahme aber nicht mehr aus der Erbauungszeit. Da haben die Brände der vergangen Jahrhunderte schon einiges vertilgt.

Welches Berufsziel haben Sie schon gehabt als Sie studiert haben?

Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber natürlich etwas mit Kunstgeschichte…wobei ich zunächst mehr der Moderne zugeneigt war und am Anfang meines Berufslebens auch mal im Kunsthandel und als Reiseführer gearbeitet habe.

Sie sind seit mehr als 20 Jahre Kunsthistorikerin im Straßburger Münster, was hat Sie gereizt, diese umfangreiche Aufgabe anzunehmen?

Sabine Bengel, «Des pierres et des hommes, le chantier de la cathédrale de Strasbourg». © 2020 by éditions du Signe .Sabine Bengel, «Des pierres et des hommes, le chantier de la cathédrale de Strasbourg». © 2020 by éditions du Signe .

Das Straßburger Münster zählt zu den ganz großen Kulturbauten Europas. Seine Geschichte ist so unendlich reich und interessant und verdient es aufgezeigt, erkannt, verstanden und wo es geht auch sichtbar erhalten zu werden. Erst wenn man ein Gebäude richtig versteht, kann man auch versuchen, es bestmöglich für die kommenden Generationen zu erhalten. Das Gleiche gilt natürlich  auch für unsere umfangreichen Sammlungen, die eine Bibliothek, eine große Plan- und Fotosammlung, umfangreiche Depots von Gipsabgüssen und ein Lapidarium umfassen. All dies muss gesichert, inventarisiert und gepflegt werden, damit es den zukünftigen Restaurierungsmaßnahmen zu Gute kommen kann und Forschern und dem interessierten Publikum zugänglich gemacht werden kann.

Wie sieht denn die tägliche Arbeit einer Kunsthistorikerin im Straßburger Münster aus? Sind Sie viel in der Kirche oder müssen Sie leider Gottes im Büro Arbeiten erledigen? Wie wichtig ist für Sie die Glaube?

Sabine Bengel, «Europäische Bauhütten – Immaterielles Kulturerbe der Menschheit». © 2020 by J. S. Klotz Verlagshaus.Sabine Bengel, «Europäische Bauhütten – Immaterielles Kulturerbe der Menschheit». © 2020 by J. S. Klotz Verlagshaus.

Jeder Tag ist unterschiedlich, wobei die Zeit im Büro oft überwiegt. Der Kontakt mit dem Bauwerk ist aber essentiell und erfolgt durch Baustellenbesprechungen, Recherchen, Überprüfungen, Fotoanfragen, Führungen oder Pressebegleitungen.…Der Glaube ist wichtig, man sollte das Münster (wie alle Kirchen, Moscheen oder Tempel) niemals wie ein Museum betreten und nie vergessen dass es in allererster Linie ein Gotteshaus ist und zu diesem Zweck erbaut wurde.

Wie wichtig ist das Forschungsprojekt über die Rettung des Straßburger Münsters durch den Architekten Johann Knauth zwischen 1907 und 1926, das vor kurzem angekündigt wurde? Was erwarten Sie von diesen Forschungen?

Dieses Forschungsprojekt ist insofern interessant, da es sich hierbei um eines der großen Restaurierungsprojekte der Neuzeit am Münster handelt, dessen Inangriffnahme wahrscheinlich den Einsturz des Turmes verhinderte. Dazu wurde damals erstmals in sehr großem Umfang ein relativ neuer Baustoff, der Stahlbeton verwendet. In unseren Sammlungen bewahren wir zahlreiche bislang nicht ausgewertete Dokumente aus der Zeit zwischen 1906 und 1926 (dem Beginn und dem Ende der Arbeiten) auf, darunter das umfangreiche Baustellentagebuch, mehre Archivkisten an Schriftgut, Fotoplatten und Fotobücher sowie über 500 Architekturpläne. All dies zu sichten, auszuwerten und die große Baumaßnahme in all ihren Details zu verstehen und in den historischen Kontext zu stellen und einzuordnen ist unser Ziel.

Können Sie eine interessante Anekdote von Ihrer Arbeit erzählen die nicht sehr bekannt ist?

Catedral de Estrasburgo. © Fondation de l’Œuvre Notre-Dame, Strasbourg.Catedral de Estrasburgo. © Fondation de l’Œuvre Notre-Dame, Strasbourg.

Lustig ist, dass die Legende vom unterirdischen See unter dem Münster noch immer in manchen Köpfen herumspukt. Diesen See gibt es natürlich nicht, die Legende geht aber wahrscheinlich auf das Auftreten bzw. Freilegen von Grundwasser während der Fundamentarbeiten im 11. Jahrhundert zurück, …aber vor einigen Jahren hat mir ein Straßburger versichert, dass seine Frau in Ihrer Jugend eine Bootsrunde auf dem See unternommen hätte. Er war sich da ganz sicher!

Interessant und aufregend war dagegen der Besuch des amerikanischen Präsidentenpaares (Barack und Michelle) Obama in Straßburg während des NATO-Gipfels 2009, als FBI und CIA im Vorfeld des Damenbesuchs in der Münsterbauhütte die Räumlichkeiten und Mitarbeiter inspizierten. Es war wie im Agentenspielfilm! Auch die Präsidentenlimousinen vor dem Münster, das wird man so schnell nicht wieder sehen…

Vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen, Frau Dr. Sabine Bengel.
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