Reportajes

'Tarde' für Sopran und Orchester nach einem Gedicht von Juan Ramón Jiménez

Aribert Reimann

lunes, 16 de febrero de 2004
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Tarde nach einem Gedicht von Juan Ramón Jiménez ist zunächst ein Stück für Sopran und Orchester ohne Text. In fünf kurzen, von Charakter, Tempo und Besetzung des Orchesters sehr unterschiedlichen Stücken wird die Stimme ohne Worte, mal führend oder mit den Instrumenten eng verzahnt, als individuelles Element, nicht als Instrument eingesetzt. Wo diesem in seinen Klangschattierungen und in seiner Ausdrucksfähigkeit Grenzen gesetzt sind, bedingt durch die Gegebenheiten der jeweiligen Instrumente, beginnt der Gesang der menschlichen Stimme: Alle Vibrationen der Innenräume der Psyche, der Emotionen, der Skala an Zustandsbeschreibungen finden ihren unmittelbaren Niederschlag im gesungenen Ton, der der Worte entbehrt, in all seinem Ausdrucksgehalt, klanglichen Farbenreichtum und dynamischen Abstufungen. Und doch schwingt in diesen fünf textlosen Vokalstücken alles mit, was hinter und zwischen den vier Zeilen des Gedichtes Tarde steht, das erst in einem weiteren, letzten Vokalstück in gesungenen Worten erklingt, in einfacher Linie, jetzt nicht mehr in geschwungenen Strukturen oder Koloraturen, unter melodisch geführter Einbeziehung des Tonmaterials, das sich motivartig durch alle Stücke zieht. Die signifikanten Worte, welche die Grundposition des Gedichtes markieren, erscheinen bereits vereinzelt im vorletzten Stück in der Singstimme zum ersten Mal: Estrellas, el suelo und cielo - das Licht, das wie Sterne vom Boden in den Himmel leuchtet.Zwischen den fünf textlosen Vokalstücken, deren unterschiedliche Charaktere mit Worten zu beschreiben eine Festlegung bedeuten würde, da jeder Hörer seine eigenen Assoziationen in Bezug zum Gedicht haben wird, steht nach dem zweiten und vierten Vokalstück je ein ritornellartiges Stück für Orchester allein, d.h. das zweite ist eine Umdeutung des ersten: Das Stück ist das gleiche, es wird nur durch Uminstrumentierung, dynamische Veränderung, Transpositionen einzelner Linien in andere Lagen auf eine andere Ebene gebracht. Im letzten Stück, nachdem von der Singstimme allein die ersten beiden Textzeilen gesungen worden sind, erklingt das Ritornell zum dritten Mal, in einer weiteren klanglichen, dynamischen und später auch zeitlichen Veränderung, wenn mit der letzten Textzeile die Singstimme hinzutritt: Auf höchste Klangebene transformiert verschmelzen Singstimme und Orchester zu einer Einheit, bis der letzte Streicherakkord entschwindet. Das "aus dem Boden Gewachsene" wird durch seine zweimalige Transformation in seinem Widerschein zu einem Element des Himmels.

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