Entrevistas

Michael Burger: Ich bezeichne den Bildzyklus als Glas gewordene Literatur des Mittelalters

Juan Carlos Tellechea
Michael Burger Michael Burger © 2026 by Corpus Vitrearum
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Im Rahmen des 800-jährigen Jubiläums der Gründung des Bauwerks der Kathedrale Notre-Dame in Straßburg (Frankreich) hielt der renommierte Kunsthistoriker Dr. Michael Burger vom Forschungszentrum Corpus Vitrearum in Freiburg im Breisgau (Deutschland) einen aufschlussreichen Vortrag über Die Narratologie der Glasfenster an der Südseite des Straßburger Münsters, die sich vor allem mit dem Leben Jesu auf Erden befassen.

Dr. Burger, der in Tübingen, Freiburg, Rom und Basel studiert hat, ist Autor mehrerer Werke, Artikel und Sonderbeiträge, die in Fachpublikationen über mittelalterliche Glasfenster verschiedener Kirchen und Klöster in Deutschland und Frankreich veröffentlicht wurden. Dr. Burger war so freundlich, einem Interview (schriftlich und per E-Mail) mit Mundoclasico.com zuzustimmen. Hier sind seine exklusiven Aussagen:

Juan Carlos Tellechea: Was wird tatsächlich erzählt? Welche bildlichen Mittel werden eingesetzt und welche Rolle spielen die Lesereihenfolge, die Struktur und die Auswahl der Szenen bei der didaktischen Umsetzung des Inhalts der Heilsgeschichte?

Dr. Michael Burger: Erzählt wird die Herabkunft Christi auf Erden nach der Geschichte des Neuen Testaments. Es handelt sich aber nicht um eine bloße Verbildlichung der bekannten Geschichte, sondern um eine Neuerzählung, die Exkurse aus anderen Texten, etwa der Legenda Aurea, mit aufnimmt und vor allem mit volkssprachlichen, d.h. deutschen Inschriften versehen ist. Besonders bezeichnend ist etwa die Inschrift zu Christus in der Vorhölle, die in Reimform beschreibt, wie Christus das Höllentor aufbricht, die dort vom Teufel Gefangenen befreit und dass dies dem Teufel überhaupt nicht gefallen hat. Natürlich spielen auch die Leserichtungen eine wichtige Rolle, etwa wenn das Fenster mit der Weihnachtsgeschichte von oben nach unten zu lesen ist. Das unterstreicht den Inhalt, denn Christus ist ja auf Erden herabgekommen. Andererseits sind die Fenster der Passion oder der Erzählung nach Christi Tod von unten nach oben zu lesen, mit den oben kulminierenden Szenen der Kreuzigung auf dem Berg Golgatha oder der Himmelfahrt Christi.

Der Südseitenschiffzyklus ist konzeptionell sehr überzeugend in fünf große Kapitel gegliedert, was den fünf Fenstern entspricht: 1. Herabkunft Christi auf Erden (Geburt und Kindheit Christi), 2. Christi öffentliches Leben und Wirken, 3. die Passion Christi, 4. Christi Leben nach dem Tod mit der Höllenfahrt, Auferstehung, den Erscheinungen bis zur Himmelfahrt, und 5. seine versprochene Wiederkehr am Tag des Jüngsten Gerichts. Die Fenster sind wiederum unterteilt in einzelne Zeilen, die mehrere zusammenhängende Szenen vereinen. Insgesamt handelt es sich bei dem Fensterzyklus um ein großartige konzeptionelle Leistung, die mit bildlichen Bezügen, Wiederholungen und Rückschlüssen arbeitet, und auch didaktische Methoden wie der Möglichkeit der Identifikation etwa mit den namentlich bezeichneten Schächern ist gegeben: so findet der gute Schächer Dismas, der auf Erden für seine Taten zum Tode verurteilt worden war, Gnade vor Gott, weil er in Christus den Messias erkannt hat. Ich bezeichne den Bildzyklus als Glas gewordene Literatur des Mittelalters.

Inwieweit fungieren die rein ornamentalen Partien in den Südseitenschifffenstern als „visuelle Satzzeichen“ oder Pausen, die den Rhythmus der heiligen Erzählungen steuern, statt nur dekoratives Beiwerk zu sein?

Die bekröndenden Rahmungen der Szenen strukturieren den Aufbau der Erzählung wesentlich und tragen zu dessen Lesbarkeit bei. Die einzelnen Szenen werden dadurch und auch im Wechsel der Farbigkeit der Hintergründe zu den Rahumngen besonders hervorgehoben. Dort sind auch zahlreiche alttestamentliche Prophetenfiguren untergebracht, die die dargestellte neutestamentliche Geschichte vorausgedeutet haben: ein mittelalterlicher Beweis dafür, dass Christus der Gottessohn gewesen ist. Der Bildzyklus umfasste allerdings in seiner Konzeption nur die unteren Bahnen der Fenster, die mit viel Ornamenten ausgestatteten Maßwerkverglasungen waren damals bereits vorhanden, da es sich bei dem Südseitenschiffzyklus um eine Erneuerung der Verglasung 50 Jahre nach Errichtung des Langhauses handelt.

Die Südseite ist die „Lichtseite“ der Kirche. Könnte man die Narratologie der Fenster als dynamisches System verstehen, bei dem die Erzählung durch den Sonnenstand im Tagesverlauf unterschiedlich stark „aktiviert“ oder farblich modifiziert wird?

Tatsächlich ist die Südseite in ihrer Erscheinung durch die sich im Tagesverlauf bewegende Sonne und durch Witterungsbedingungen besonders dynamisch. Besonders an hellen Sommertagen leuchten die bunten Bilder ganz außerordentlich. Das lockt natürlich auch den Besucher der Kathedrale dorthin, denn er will wissen, woher die leuchtend funkelnden Lichtpunkte herkommen. Es mutet ja auch ganz mystisch an, und im Mittelalter sprach man von Wänden, die wie Edelsteine leuchten. Allerdings trägt starkes Sonnenlicht auch dazu bei, dass die Lesbarkeit wesentlich erschwert wird, denn beim Betrachten wird man geblendet.

War die Wahl bestimmter Glasdicken oder Schattierungen an der Südseite (wo das Licht am intensivsten ist) eine bewusste Entscheidung, um die „Lesbarkeit“ der Erzählungen gegenüber der schattigeren Nordseite zu harmonisieren?

Nein, das kann man so nicht beobachten. Zwar wurde der Lichteinfall durchaus gedämpft, indem man etwa die Hintergründe mit ornamentalen Schwarzlotbemalungen versah und auch insgesamt lasierenden Überzügen verwendete, um alle Gläser einander anzugleichen, aber man machte keinen Unterschied zwischen Nord- und Südseite. Denn zum einen gleicht sich an trüben, wolkigen Tagen der Lichteinfall an, zum andern ist das menschliche Auge sehr gut darin, sich an jeweilige Lichtintensitäten zu gewöhnen, so dass man - was die Lesbarkeit betrifft - auch keinen Unterschied zwischen Nord- und Südseite wahrnimmt, von den oben beschriebenen hellen Sonnentagen einmal abgesehen.

Wie stark verändern moderne Ergänzungen oder frühere Restaurierungen die ursprüngliche narrative Struktur? Gibt es „Lücken“ in der Erzählung, die wir heute fälschlicherweise als gewollt interpretieren?

Tatsächlich ist der Südseitenschiffzyklus außerordentlich gut erhalten, restauratorische Eingriffe gibt es hier nur sehr wenige, und Versetzungen oder Lücken gar keine. Das Programm wurde, so wie wir es heute sehen, bereits 1733 beschrieben, also vor den großen Maßnahmen des 19. Jahrhundert. Dies gilt aber nur für die fünf Fenster des Südseitenschiffes, woanders muss man sehr wohl aufpassen, dass wir nicht etwas als mittelalterlich interpretieren, was eine moderne Ergänzung darstellt.

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